"Sobald man von deutschem Erdöl zu reden anfängt, bekommen die Zuhörer meist eine Gänsehaut..." (1901)
In der Bonner Zeitung Nr. 195 vom 18.08.1901, Zweites Blatt, lesen wir unter der Überschrift "Schätze aus der Lüneburger Haide":
Kommen und sehen, so schrieb mir ein Freund aus Hannover, dessen begeisterte Schilderung von den Schätzen der Lüneburger Haide ich stark in Zweifel gezogen hatte.
So fuhren wir denn am frühen Morgen von Celle in die Haide hinaus, nachdem wir Hannover, die schmucke Residenz an der Leine, mit dem ersten Zuge verlassen hatten. In flottem Trabe gings durch die Vorstadt von Celle, das deutsche „Texas“,— nomen et omen.
(...)
Jetzt sind wir in Oldau und damit an den Erdschätzen der Haide: Kali, Salz, Oel. Sobald man von deutschem Erdöl zu reden anfängt, bekommen die Zuhörer meist eine Gänsehaut. Sie denken an Oelheim mit der getränkten Quelle, an August Sternberg, der endlich im Zuchthaus sitzt, an verlorene Millionen u. s. w. Daß man dabei das Gruseln lernt, ist schließlich kein Wunder. Aber die deutsche Erdölgewinnung ist zwar bisher nicht ergiebig wie in Pennsylvanien, Texas oder Baku, wo die Oele in starkem Strahle aus dem Boden in die Höhe sprudeln, es gewinnt aber mehr und mehr den Anschein, als ob die Rückständigkeit in den Oelerträgen lediglich der Rückständigkeit in der Oelgewinnung aufs Konto zu schreiben ist. Daß sich bei sachgemäßem Betrieb ganz andere Ergebnisse erzielen lassen, als sie Jahre hindurch erzielt wurden, das ist heute bereits sicher.
Wo die eigentliche Oelzone der Haide beginnt, steht noch nicht fest. Bisher hat man das Oel hauptsächlich in der Nähe der Wietze gesucht, und eine große Anzahl von Gesellschaften, Holländer, Hamburger, Hannoversche und Berliner, hat sich mit der Oelgewinnung befaßt.
Zur Zeit bestehen nicht weniger als sechs derartige Gesellschaften. Die bedeutendste ist die Aktien-Gesellschaft Celle-Wietze, die in den Gemeinden Hornbostel, Bannetze, Meißendorf und Jeversen auf erpachtetem, eigenem und Gemeindeboden, der ihr zur Ausbeutung überlassen wurde, zusammen über 30000 Morgen, planmäßige Bohrversuche veranstaltet und dabei Oel, Salz und Kali in solchen Mengen und in solcher Güte entdeckt hat, daß wiederholt schon Herren der Geologischen Landesanstalt, der Geheime Bergrat Schmeißer, Landesgeologe Dr. Zimmermann und Dr. Denckmann die Gegend besucht und ihr größtes Interesse an den bisher erzielten Ergebnissen kundgegeben haben.
Diese Resultate waren der Anlaß zu neuen Tiefbohrungen, deren sechs bis acht in den genannten Gemeinden, um deren Gemarkungen aufzuschließen, vorgenommen werden sollen. Die Bohrungen sollen bis auf 1000 m Tiefe hinabgehen. Sie werden von dem bekannten Bohrunternehmer Thumann aus Halle a. S. ausgeführt und zwar mit Diamantbohrung, sobald kernfähiges Gebirge getroffen wird, während man bisher nur Meißelbohrungen vornahm, die es nicht zuließen, ein möglichst genaues Profil der erbohrten Erdschichten zu schaffen.
Erst durch diese Kernbohrungen dürfte es den Geo¬logen möglich werden, wissenschaftlich das Oelterrain zu untersuchen und zu begutachten. Es kann sich dabei leicht ereignen, daß ein Oelstrahl, ganz wie in Pennsylvanien und Texas, zutage tritt und daß unter der ersten Oelzone, die mit 150 m Tiefe angetroffen wird, andere leichtere Oele, als das jetzt geförderte Rohoel gefunden werden. Der bisherige Gang der Dinge scheint auf diesen Erfolg geradezu hinzudeuten. Die ersten Oelfelder und Bohrlöcher lagen südlich der Wietze, einem kleinen Fluß mit klarem Wasser, der bisweilen zu ganz gefahrlicher Höhe anschwillt. Man fand hier bereits bei 40 m Tiefe Rohoel, und die Einwohner von Wietze, das Dorf gleichen Namens an der Wietze, haben schon seit Urzeiten Oel gewonnen. Vor etwa 15 Jahren kamen Holländer in die Gegend, um die Sache auszubeuten. Für alle aber, Holländer wie Wietzer, und ebenso für die nachfolgenden Berliner und Hamburger war es feststehend: nur links der Wietze im Süden ist Oel zu finden. Eine Jagdbeobachtung hat hier wie so oft beim Auffinden von Erdschätzen die herrschende Auffassung völlig umgestoßen. Ein Hannoveraner Jäger machte die Beobachtung, daß die Oelzone von Süden her zur Wietze immer tiefer geht. Man fand Oel in der Richtung auf die Wietze bei 40, 60, 70, 95, 105 m Tiefe. Warum, so folgerte er, soll die Wietze die Grenze des Oelterrains bilden? Wie wäre es, wenn man einmal jenseits der Wietze bei größerer Tiefe bohrte? Der Erfolg war ein überraschender. Während früher, ehe man sich entschloß, nach Norden zu gehen, jährlich etwa 8000 Barrels von allen fünf vorhandenen Werken gewonnen wurden, produzieren jetzt die sechs Werke am Tage etwa 400 Barrels d. i. im Jahre bei 300 Arbeitstagen 120000 Barrels. Das eine Werk, die Aktiengesellschaft Celle-Wietze, deren Leiter die solgenreiche Entdeckung machte, bringt allein durch 7 Pumpen täglich 130 Barrels zu Tage. Der erste Jahresabschluß dieser Gesellschaft vom 18 Februar d. J. verzeichnet in 250 Arbeitstagen eine Förderung von 29 602 Barrels. Dabei kam eine Dividende von 10 v. H. bei einem Bruttogewinn von 257 300 M. und einem Aktienkapital von 1 Million M. heraus. Die Förderung mußte noch eingeschränkt werden, da die Produktion den Versandt überstieg. Das Oel ist aber von so vorzüglicher Qualität, ist völlig paraffinfrei und erstarrt deshalb erst bei sehr niedrigen Kältegraden, daß zwei deutsche Raffinerien, Peine und Salzbergen, sich alsbald die ganze Produktion auf 10 Jahre gesichert und für weitere 10 Jahre ein Vorrecht bedungen haben. Leicht erklärlich; denn der Bedarf der deutschen Eisenbahnen und Dampfkessel ist ein fortwährend steigender.
Die gesamte Gegend hat durch die Oelproduktion gewonnen. Die Bauern schließen Kontrakte mit den Werken, die ihnen einen nicht unerheblichen Anteil am Gewinn sichern, die Arbeiter kommen von weit her, um einen guten regelmäßigen Tagesverdienst einzustreichen. Etwa 200 Arbeiter sind zurzeit bei den verschiedenen Gesellschaften an den Pumpen, den Bassins, den Barrels, in den Reparaturwerkstätten beschäftigt. Nur eins fehlt noch, die Eisenbahn. Zurzeit gehen alle Transporte auf Cisternenwagen nach dem 1½ Meilen entfernten Celle, um dort in die Eisenbahnwagen verladen zu werden So ein Eisenbahnwagen befördert 15000 kg Oel. Wird der Ochsentransport gespart – und dazu bietet die bereits vermessene, vom Landtage bewilligte Staatsbahnstrecke Celle-Schwarmstädt, die in Wietze einen Bahnhof erhält, die Handhabe –, so geht das deutsche Oelland einer guten Zukunft entgegen.
Daß thatsächlich das Oelland eine Zukunft hat, beweist vor allem die stetig gestiegene Ergiebigkeit, beweisen aber auch die Salz- und die Kalifunde. Unweit Oldau hat man bei den Bohrungen Salzkerne erbohrt, die teils klar wie Kochsalz, teils mit Salzen und Erden gemischt, auf ein Salzlager von ganz gewaltiger Ausdehnung schließen lassen. Die erbohrten Kerne sind etwa einen Meter lang und haben einen Durchmesser von 10 Centimeter. Ein großer Schrank mit diesen Schätzen gefüllt, steht mitten in der Haide, daneben der Bohrthurm mit der Dampfmaschine. Ein Wächter hütet den Schatz. Es ist recht langweilig, äußert er auf Befragen, aber man muß warten, bis die Arbeit losgeht. Hier ist viel zu holen, Herr. Sein Salzschrank giebt ihm Recht.
Aber, mit dem Salz allein ist es nicht gethan. Auch ein Kalilager von gewaltiger Ausdehnung hat man erbohrt; das Kalilager dürfte, wenn sich die Bohrungen weiter so ergiebig zeigen, geradezu ein Nationalvermögen darstellen. Unser Erdöl kann Amerika vielleicht schlagen, unser Kali nicht; denn noch ist Kali in Amerika nicht gefunden. Und was es bedeutet, ein Kalilager so nahe der Küste, so nahe am Versandt zu haben, das kann man leicht an den Fingern abzählen, wenn man die Frachtdifferenz gegen die alte Kaliwerke ausrechnet.
Und über dem allen blüht der Buchweizen, leuchtet das Haidekraut, trillert die Haidelerche. Jahrtausende haben die Schätze im stillen Haidemoor geschlummert, jetzt hat sie der Diamant ans Tageslicht gefördert, ein Jahrzehnt, und man wird die Abgeschiedenheit der Haide und ihre Armut, die übrigens nicht so groß ist, wie man sich dieselbe vorzustellen pflegt, dahinschwinden sehen.
Werfen wir zum Schluß noch einen Blick auf das der Haide, das bereits neun Bohrlöcher im Betriebe hat und dem die wissenschaftliche Aufschließung der Salz- und Kalilager zu danken ist. Ein weites, umzäuntes Gelände mitten im Kiefernwald nahe der Wietze gelegen, umfaßt das Werk außer den Werkstätten, Bohrlöchern, Pumpen ein ungeheures Lager von Oelbarrels und ein neues Betriebsgebäude. Sechs auf hochragende Stangen angebrachte Blitzableiter schützen den Betrieb. Alle Pumpen sind im Gange und fördern große Massen Oeles, das in breiten dunkelbraunen Strahlen hervortritt. Nicht weniger als 15 500 Barrels Oel lagern zurzeit auf dem Gelände. Große Reservoirs, 1000 und 1550 Barrels Oel fassend, sind aufgestellt. Demnächst gedenkt man den Barrel-Transport ganz aufzugeben und nur Cisternenwagen zu benutzen.
Ein neues Bohrloch wird soeben angebohrt. Der Bohrer senkt sich Schlag um Schlag und der Bohrführer trieft vor Schweiß bei der harten Arbeit. Das Ganze zeigt einen wirtschaftlichen rationellen Betrieb, der mit allen älteren Formen der Oelgewinnung gebrochen hat und auch wohl allein imstande ist, dauernde Gewinne zu garantieren.
Deutsches Erdölmuseum Wietze
Schwarzer Weg 7-9
29323 Wietze
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