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Hermanns Löns über Wietze (1910)

Hermann Löns
Der Untergang der Heide

Der Lüneburger Heide erging es, wie manchem Künstler: sie wurde erst bekannt, als es mit ihr zu Ende ging.
Denn es geht mit ihr zu Ende. In spätestens fünfzig Jahren, wahrscheinlich, aber schon früher, ist sie ein geographischer Begriff geworden, heißt sie noch die Lüneburger Heide, ist es aber nicht mehr.
Was sie einst war, das ist sie schon lange nicht mehr. Zuerst kam die Saline zu Lüneburg, die ihr ein anderes Aussehen gab, indem sie ihr den Schmuck der Eichenwälder nahm. Was davon übrig blieb, nahm ihr der Dreißigjährige Krieg; der gab ihr dann die weiten, heidewüchsigen Flächen, machte sie erst zur Heide. Die Eichenstümpfe, die beim Torfmachen zu Tage kommen, erzählen, wie es einst dort ausgesehen hat.
Der Eiche war die Kiefer vorausgegangen. Seit der Eiszeit hatte diese sich mit der Fichte der Birke und der Erle in das Land geteilt. Als in vorgeschichtlichen Zeiten der Weidebauer, die Fischer- und Jägervölker unbekannter Rasse vertrieb, begünstigte er das Aufkommen der Eiche; sie gab ihm Mast für sein Borstenvieh. Zur Zeit des großen Friedrich kam die Kiefer wieder zu ihrem Rechte; man brauchte schnellwüchsiges Holz für den Grubenbau. Preußen wies den Weg, Hannover folgte nach, und so teilten sich Kiefer und Fichte wieder in das Land.
Die Eisenbahn kam und schnitt tiefe Falten in das Gesicht der Heide, und kreuz und quer gruben die Landstraßen ihre Krähenfüße daneben. Der Nieselwiesenbau kam auf, die Gründüngung, die Kunstdüngung, die Kieselgurindustrie, die Ziegelindustrie, die Teichwirtschaft, der Dampfpflug, die Kleinbahn.
Der Heidedichter kam, der Heidemaler, das Rad, der Kraftwagen, die Heidschwärmerei, der Sommerfrischler, der städtische Jagdpächter, der Grundstücksspekulant. Jedes von ihnen änderte an der Heide herum, hier wenig, da mehr, dort ganz viel.
Und dann kam die Bohrindustrie.
Ganz schüchtern fing sie an. Die Schlappe, die sie in Oelheim bei Peine erlitt, vergaß sie nicht. Hoch war es da einst hergegangen; Pennsylvanien und Baku sollten übertrumpft werden. Das Geld rollte, der Sekt floß, die Papiere stiegen. Aber sie fielen auch wieder, fielen immer tiefer, das Geld flog fort, das Oel hörte auf zu fließen und der Sekt auch. Oelheim wurde zu einem Industrie-Pompeji, über dem wieder Heide wuchs. Hier und da ragte noch eine Ruine, morsch, faul und rostig. Die Ruinen bestanden nicht nur aus Holz, Stein und Eisen; auch solche von Fleisch und Bein waren darunter; man sah sie nur nicht, oder vielmehr, nicht mehr.
Schon seit Jahrhunderten kannte man die Teiche bei dem Dorfe Wietze, auf denen das Oel schwamm. Die Bauern gruben seit unendlichen Zeiten Löcher in den Sand, die sie Fettlöcher nannten, und die sich mit Wasser füllten, auf dem Oel Schwamm; das wurde dann zu Wagenschmiere und auch sonst noch gebraucht. Der Hofmedicus Taube schrieb 1766 schon darüber; doch erst fast 100 Jahre darauf, 1859, ließ die hannöversche Regierung die Oellager untersuchen; da aber der Bohrmeißel auf einen Irrblock stieß und abbrach, gab man den Versuch au. 1866 ließ die preußische Regierung eine neue Untersuchung vornehmen; der junge Sachverständige, der die Prüfung vornahm, riet davon ab, Geld für das Unternehmen anzuwenden. Spätere Versuche führten ebenfalls zu unlohnenden Ergebnissen.
Da erschien 1885 L. Pook in Wietze. Er war eine jener konquistadorischen Naturen, die Arbeitskraft, Wagemut und ein weites Gewissen haben. Ihn entmutigte kein Fehlschlag; mit zähem Eifer ging er voran; G. Schrader folgte ihm. Es entstand die Maatschappij tot exploitatie van oliebronnen, die hannöversch-westfälischen Erdölwerke wurden gegründet. Sie verzinsten sich gut. Wietze-Steinförde hatte eine Zukunft.
1889 [tatsächlich: 1899] kam Adalbert Keysser und bohrte in den Wietzer Wiesen; das Oel floß in Strömen. Die Aktiengesellschaft Celle-Wietze bildete sich; Wietze war ein Platz geworden, der einen Namen hatte. Nun ging es mit Dampf voran. Ueberall um Wietze-Steinförde wurde gebohrt; die Oelbahn Celle-Schwarmstedt wurde gebaut. Gesellschaft auf Gesellschaft entstand. Die Bohrtürme wuchsen wie die Pilze aus der Erde; am Bahnhofe blähten sich riesige Tanks; die Landstraßen bekamen Fettstreifen von den Oelfässern. Das stille Doppeldorf wurde zum lauten Industrieplatze; an dreißig Gesellschaften sind dort ansässig.
Es wurde nicht nur Oel gefunden, man fand auch Salz und Kali. Weit und breit in der Runde schossen Bohrtürme empor; es war, als ob sie sich aussamten. Mitten im braunen Moore im grünen Wiesenlande, im gelben Sande stößt der Wanderer auf die schwarzen Gespenster. Manche davon verschwanden wieder. An anderen Stellen vermehrten sie sich. Ueberall tauchten die Agenten der Bohrgesellschaften in ihren Kraftwagen auf; die Wirte verdienten in einem Monate mehr als sonst in einem Jahre und die Notare auch, denn es regnete Bohrverträge. So mancher Bauer dreht heute den Hundertmarkschein leichter in der Hand herum als früher den Taler.
Heute ist das Doppeldorf Wietze-Steinförde die größte Sehenswürdigkeit der Lüneburger Heide. Es ist nicht nur interessant wegen seiner gewaltigen Industrie, sondern hauptsächlich deshalb, weil altes und neues Leben sich dort so seltsam mengen. Urwüchsiges Bauerntum ist eng vermischt mit neumodischem Verkehr. Natur und Industrie sind wie ineinandergequirlt. Um die Bohrtürme wächst Heide, und in der Heide wachsen Bohrtürme. Hier singt die Heidelerche, da donnert der Fallmeißel. Im Backhaus brennt der Bauer noch die zinnerne Tranlampe; nebenan leuchten Gas und elektrisches Licht.
Fährt man mit der Oelbahn von Celle, so merkt man lange Zeit nichts von dem neuen Leben. Auf Sand, Heide, Kiefernwald, Wiesenland und Felder fallen die Augen. Mit einem Male stoßen sie auf etwas Fremdes, das durch den Wald in den Wiesen sichtbar wird. Unheimliche Gestalten, schwarz und grau und weiß, je nachdem sie schon lange dort stehen oder erst kürzlich entstanden sind, die Bohrtürme, erheben sich, und sparrige Gerüste, die Sonden. Ueberall sind Neubauten, und dort schreien Hotelplakate, grell und bunt, und es dampft und raucht und klappert und klingelt, rasselt und rattert und der Geruch des Erdoels ist über dem Ganzen.
Das ist nun Wietze! Aber was ist es? Ist es ein Dorf, denn da sind noch die Hofeichen, die Strohdächer, das schwarz-weiße Fachwerk, die grauen Zäune, die Haufen von Heldschollen, die gekreuzten Pferdeköpfe an den Giebeln. Da sind Bauern mit bartlosen, ruhigen Gesichtern, gekleidet in Beiderwand, den ihre Ahnen schon trugen, und Mädchen, die zum Heumachen gehen, die hellen Helgoländer um die stillen Gesichter, mit den roten Leibchen, aus denen braune Arm hervorsehen und den blauen Röcken, und sieht der Fremde sie an, so bieten Sie ihm die Tageszeit, wie sie es von jeher gewöhnt sind.
Aber da sind auch Männer in blauen, ölfleckigen Leinenanzügen, die an dem Fremden vorbeisehen und Herren in Gehröcken, den Zylinder auf dem Kopfe und die Aktenmappe unter dem Arme, und Equipagen und Automobile. Und Bauernhäuser, die sich städtisch angezogen haben mit braunem Gebälk, grünen Türen und rot gestrichenem, weiß ausgefugtem Ziegelwerk, und rauchende Schlote und Wellblechhäuser und Villen an Villen. Und die polnische Sprache erklingt neben dem alten Haidjerplatt, und in den Dreschflegeltakt klirrt das Geklingel des Fernsprechers.
So ist Wietze. Altes und Neues ist dort wie verfilzt. Hier auf dem Bauernhofe geht der alte Betrieb seinen Gang, aber rund um ihn starrt ein Drahtzaun, und als Gegenstück zu dem Ziehbrunnen rechts von der Türe steht links etwas, das fast ebenso aussieht, aber im Takte hin- und herwippt: eine Oelpumpe ist es. Im Schuppen liegen auf der einen Seite Heidschollen, auf der anderen Bohrröhren, und das Anschreibebuch des Bauern hat zwei Abteilungen, eine für den Ertrag aus der Ackerwirtschaft, eine für sein Einkommen aus dem Bohrlöchern.
Ebenso ist es in Steinförde. Auf dem Wege dahin ertönt das Läuten des Kuckucks aus dem Walde, das Lachen des Grünspechts. Aber dann klingen Axtschläge, bunt leuchtet es hinter den hohen Hängebirken, ein Motor joppt und keucht, lange Masten starren und dann ist für eine Weile nur das Piepen der Meisen in den Kiefern da und das Gedudel der Heidelerchen in den Lüften, bis auf einmal grellbunte Neubauten und finstere Bohrtürme dem Walde den Platz streitig machen und das Kaliwerk mit dem hohen Schlote und dem riesigen Förderturme die Landschaft ausschließlich beherrscht und die Geräusche der Industrie die Stimmen der Natur überschreien.
Hundert Schritte von der Straße herrscht wieder Heidfrieden. Aber noch ein wenig weiter, und die Fallmeißel dröhnen, der Dampf zischt, der Duft der Kiefern und Birken tritt zurück vor dem Geruche von Oel und Steinkohle, und der Ort zeigt sein wahres Gesicht. Schön ist es nicht. Bohrturm an Bohrturm, ein ganzer Wald, und Gerüst an Gerüst, und immer noch mehr Leitungen und Isolatoren, Tanks und Bassins, Sonden und Pumpen, Röhren und Gestänge, Briketthaufen und Koksberge, Kräne und Räder, und ein Zischen und Tappen, Klirren und Klappern, Rattern und Knattern, Donnern und Dröhnen, Pfeifen und Kreischen.
Dahinter ist wieder Wald und Heide, Vogelgesang und Falterschwirren, Kiefernduft und Birkenlaubgeruch, bis weiße Tafeln mit schwarzen Aufschriften und Stacheldraht die Einleitung zu einem weiteren Bohrfelde bilden, hier zu einem kleinen, da zu einem großen, eine verwirrende Abwechslung von Natur und Industrie, Heidstille und Lärm Ruhe und Unrast.
Hier in der Heide steht ein Schafstall, ganz nach der alten Art, mit düsterem, spitzem Strohdache, tief herabreichend; sein Gebälk ruht auf grauen Findelblöcken. So mögen die Urahnen den Bauern ihre Wohnhäuser errichtet haben, als Tacitus sie kennen lernte. Das alte Bauwerk hat das Muster abgeben müssen für den bunten Villenbau, der durch die roten Kiefernstämme leuchtet; und selbst die Mährenköpfe an dem Giebel hat man von ihm herübergenommen. Nicht lange mehr wird es dauern, und an keinem alten Giebel in den beiden Dörfern ragt das alte Wahrzeichen mehr empor. Hof um Hof verschluckt die Bohrindustrie, und langsam, aber sicher weicht das Bauerntum von der Scholle, bis statt der gekreuzten Pferdeköpfe das gekreuzte Gezähe hier allein herrscht.
Erst zehn Jahre sind es her, seit Wietze zum Oelplatze wurde; zur Hälfte ist es schon umgeformt. Aus der traulichen Schänke wurde ein Hotelrestaurant, wo die Heidelerche sang, heult die Dampfsirene, die „Lowry“ läuft da, wo die Schnucke weidete, das Auto saust dahin und wo einst vom Stand der Saaten und über Viehpreise gesprochen wurde, da geht heute die Rede von Oelfunden Neugründungen, Kuxen- und Aktienstand.
Wietze und Steinförde sind erst der Anfang, denn heidauf, heidab wird gebohrt. Wo aber nicht gebohrt wird, da werden die Brüche und Moore entwässert und zu Feld und Wiese gemacht, die Heidberge werden aufgeforstet und schon erheben die Heimatschutzvereine ihre Stimme, damit der Staat einige Heidflächen der Aufforstung entziehe, auf daß man später wenigstens sagen kann: „So war es einst hier in der Heide!“

Aus: Colonia. Sonntagsbeilage zum Kölner Local-Anzeiger Nr. 24 v. 12.06.1910 (übertragen von Dr. Stephan A. Lütgert)

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