Erdöl und Erdgas in Deutschland

Erdöl und Erdgas in Deutschland

Dass Deutschland über ausgiebige Erdöl- und Erdgasvorkommen verfügt, ist nicht neu, aber wenig bekannt. Dabei wird beispielsweise Erdöl hierzulande schon seit über 150 Jahren durch Bohrungen gefördert.

 

Während der beginnenden Industrialisierung war Deutschland noch weitgehend unabhängig von Importen. Aufgrund des seitdem rasant steigenden Bedarfs und der begrenzten heimischen Vorkommen war das seither nicht wieder zu erreichen. Und auch zukünftig werden heimische Quellen den Energiehunger nicht allein decken können, doch sie können einen bedeutenden und anhaltenden Beitrag zur Energieversorgung im Lande leisten.

 

Erdöl- und Erdgasfelder in Deutschland

 

Erdöl und Erdgasfelder in Deutschland: Der überwiegende Teil der Erdgas- und Erdöllagerstätten befindet sich in der norddeutschen Tiefebene. Daneben gibt es Lagerstätten im Alpenvorland, im Oberrheintal und im Thüringer Becken (Quelle: BVEG).

 

Technologische Meilensteine in der Exploration und Produktion

Durch ihre jahrzehntelangen Erfahrungen und vielen technologischen Entwicklungen gehört die deutsche Explorations- und Produktionsindustrie heute zu den Vorreitern in der praktischen Anwendung von modernen Technologien zur Aufsuchung und Gewinnung von Erdöl und Erdgas.

 

- Anton Raky, einer der führenden Bohrtechniker seiner Zeit, lässt 1893 das Schnellschlag-Bohrkran No. 7 patentieren, der 75 bis 105 Schläge in der Minute ausführt, gegenüber 50 bis 60 beim kanadischen Verfahren und 30 bei den damals noch immer gebräuchlichen Freifallgeräten.

 

- Ludger Mintrop entwickelt 1920 Verfahren zur Ermittlung des Aufbaus von Gebirgsschichten und begründet damit die Refraktionsseismik. Damit wird es möglich, in den oberen Erdschichten gezielt nach Lagerstätten zu suchen, günstige Strukturen für Lagerstätten aufzufinden und damit die Trefferquote von Bohrungen zu erhöhen.

 

 

Refraktionsseismik

 

Schemadarstellung der Refraktionsseismik: aus der Laufzeit der refaktierten und reflektierten
Schallwellen wird die Tiefe der Schicht ermittelt (Quelle geofact.de).

 

- Ein entscheidender Bestandteil für die Bohrgeräte ist der Meißel. 1925 wird in Deutschland zum ersten Mal eine drehende Bohrung mit dem von Howard R. Hughes patentierten Zweirollenmeißel durchgeführt. In der Folge werden praktisch alle Bohrungen nach dem Rotary-Bohrverfahren durchgeführt.

 

- In den Jahren nach 1930 werden zuerst in den Vereinigten Staaten von Amerika Verfahren entwickelt, mit denen mehr und länger Erdöl gefördert werden kann. Dafür ist es erforderlich, den Lagerstättendruck wieder aufzubauen. Die Verfahren zur Druckerhaltung sind Wasserfluten und Gasinjektion, die beide als Sekundärverfahren bezeichnet werden.

 

- Seit 1967 ermöglicht die Weiterentwicklung von der 2D- zur 3D-Seismik die Darstellung eines exakten räumlichen Bildes vom Untergrund und verbessert damit die Erfolgsaussichten von Bohrungen.

 

- Durch tertiäre Förderverfahren, bei denen 300 Grad heißer Dampf mit rund 100 bar Druck in die Lagerstätte gepresst wird, erwärmt sich das im porösen Gestein festsitzende Erdöl, wird dünnflüssiger und kann leichter zu Tage gefördert werden. Chemische Flutverfahren, wie das feldweite Polymerfluten, wurden u. a. in den Ölfeldern des Gifhorner Beckens bei Celle in den 1970er Jahren erstmals wirtschaftlich erfolgreich angewandt.

 

- Die moderne Bohrtechnik mit der Entwicklung besonderer Bohrwerkzeuge, Antriebsarten, Steuerungs- und Navigationsverfahren zum zielgenauen Bohren in jede gewünschte Richtung und Neigung hat durch die deutsche Serviceindustrie große Impulse erlebt. Mit hochentwickelten Bohrsystemen können Erdöl- oder Erdgaslagerstätten, die sich überwiegend in horizontaler Richtung erstrecken, erschlossen werden. Eine der tiefsten Forschungsbohrungen der Welt, mit neun Kilometern Vertikalteufe, liegt in der Oberpfalz bei Windisch-Eschenbach. Einen weiteren Bohrrekord hat die deutsche E&P-Industrie mit einer horizontalen Fernbohrung vom Land aus unter dem Wattenmeer in die rund zehn Kilometer vom Festland entfernt liegende Öllagerstätte Mittelplate erbracht.

 

- In manchen Lagerstätten enthält das Erdgas Schwefelwasserstoff, der dem Gas vor einer Nutzung entzogen werden muss. Nebenprodukt der Aufbereitung dieses „Sauergases“ ist die für die chemische Industrie wichtige Bereitstellung von rund 1 Million Tonnen Schwefel pro Jahr.

 

- In so genannten „Tight Gas-Lagerstätten“ werden mit der Kombination modernster Technologien neue Fließwege für Erdgas hergestellt. Durch Horizontalbohrungen mit Multi-Fracs (künstlich erzeugte Risse), werden Erdgasvorräte in dichteren Speichergesteinen erschlossen. Die „Hydraulic Fracturing“ Technologie wird an Relevanz gewinnen, da mit dem Verfahren künftig auch der Zugang zu unkonventionellen Ressourcen in Kohleflözen und Schiefergesteinen gelingen kann.

 

Grafik Söhlingen Frac

Hydraulic Fracturing schafft Fließwege in sehr dichten Gesteinsformationen: Die feinen, begrenzt ausgedehnten Frac-Risse werden durch ein Stützmittel offen gehalten, so dass das Erdgas zum Bohrloch strömen kann (Quelle: ExxonMobil Production Deutschland GmbH).

 

Da eine bezahlbare und verlässliche Energieversorgung ein entscheidender Standortfaktor für das Industrieland Deutschland ist, werden Erdöl und Erdgas hier noch für Jahrzehnte eine wichtige Rolle spielen. Die E&P-Industrie trägt dazu bei, diese Versorgung zu sichern und erzielt dabei viele positive Auswirkungen auf Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und das technologische Know-how im Land.

 

Text: Prof. Dr. Günter Pusch, mod. Dr. Lütgert